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Am Morgen ist Gesa gut erholt und willens, trotz der erschöpfenden Etappe gestern die voraussichtlich ebenso recht erschöpfende Etappe heute anzugehen: Wieder einmal sind 20 km zu laufen, die letzten zwei davon querfeldein nach Kompass. Keine Möglichkeit, vorher zu campieren, da zwischen km 10 und der Hütte kein Wasser mehr ist. Das Wetter ist dramatisch-schön, und in dem Wind trocknen wir morgens die letzten Sachen. K&K waren gestern früher da, sind besser erholt und somit auch weg, als unser Zelt noch steht. Beim abschließenden Wassersack füllen treffen wir noch auf ein deutsches Ehepaar in den Vierzigern, topp ausgerüstet, die querfeldein von Áfangagil nach Landmannalaugar laufen wollen, und anschließend den Laugavegur in Angriff nehmen wollen. Wir werden später mit Ihnen im selben Flugzeug zurück fliegen. Wir sind kaum 500 m gelaufen, als uns ein kleiner Schauer unsere Regensachen überziehen lässt, diesmal mit Regenhose. Die nächsten 10 km kommen immer mal wieder sehr kleine Schauer über uns, die kaum der Rede wert sind. wir laufen an den Landmannahellir-Bergen vorbei und kommen irgendwann an die Helliskvísl-Furt, wo wir wieder auf den Landmannaleið treffen. Auf einer Sandbank mitten in der Furt steht eine Busreisegruppe rum und sieht uns beim Furten zu. Muss unglaublich spannend sein. Hinter der Furt machen wir eine Aufrüst-, Tee und Müsliriegelpause und stellen erschrocken fest, dass die nächste Furt schon in einem Kilometer ansteht. Dort angekommen erkennen wir aber, dass unsere Karte uns getäuscht hat: es handelt sich um ein durch ein Rohr geleitetes Rinnsal, in dem selbst in Sandalen die Füße nicht nass würden. Nun denn. Ich lege mich auf den Lavakiesboden und mache einige Photos von den Wüstenpflanzen. So laufen wir recht vergnügt weiter, doch als wir das Nationalparkschild Fjallabak passieren, fängt es wieder an zu regnen. Diesmal ist es kein kurzer Schauer. Nach und nach steigert sich der Regen und lässt einen spüren, dass Sturm ohne Regen viel angenehmer ist als mit. Gesa kommt schon allein wegen der gestrigen Etappe nur mühsam vorwärts. Wir erreichen ein Lavafeld und kauern uns für eine Pause hinter einen Stein. Die Pause können wir in den widrigen Bedingungen jedoch kaum ausdehnen, da man selbst in den guten Klamotten recht schnell auskühlt. Es sind noch acht Kilometer, und jetzt wird es richtig abartig. Der Regen fegt eiskalt von vorne ins Gesicht, sturmgepeitscht. Gesa gibt ihr Bestes und kämpft sich in meinem Windschatten die Piste voran. Es macht nicht wirklich Spaß, aber in so einem Moment hat man kaum eine Wahl. Zelt aufbauen ist nicht, da kein Wasserlauf in der Nähe ist. Ab und an werden wir von Jeeps überholt, und zwei davon fragen sogar, ob sie uns ein Stück mitnehmen, was wir hier noch aus falsch verstandenem Ehrgefühl ablehnen. Wir motivieren uns gegenseitig und fluchen auf kreativste wortschöpferische Art im Wettstreit (Krötenschleim und Otternasen, Grottenolmjungfernhäute...) Als wir am Wanderparkplatz zur Hekla vorbei kommen, ist von dieser so gut wie nichts zu sehen, so tief hängen die Wolken. Dafür nervt eine Gruppe Quad-Fahrer. Sogar ein Rettungsdienstfahrzeug hält an und erkundigt sich nach unserem Wohlbefinden. Na ja, sind ja „nur“ noch 3 km. Davon zwei querfeldein. Wir kommen an einer avisierten Wegbiegung an, und ich tendiere dazu, den Weg hier zu verlassen, da ich meine, aus der Landschaftsgestaltung die Richtung ausmachen zu können. Angeblich haben K&K hier auch Zeichen an den Weg gemacht, die wir aber beide übersehen haben. Ich entscheide mich dann aber doch dagegen, da mir die Wolken dann einfach zu tief hängen und ich mich nicht auf meine „Interpretation“ dessen, was an der Wolkenkante zu sehen ist, verlassen will, und so laufen wir noch 200 m weiter über die Straße und biegen dann direkt nach Norden ab, wo sich laut Karte die Hütte befinden soll. Noch zwei Kilometer, dafür ist aber zwischen uns und der Hütte noch ein Berg von vielleicht 150 Höhenmetern. Der Regen peitscht weiter waagerecht, und auf dem Berg sind wir noch exponierter, so dass es sogar anstrengend ist, auch nur zu stehen. Meine Hände frieren ab, da ich in der einen Hand den Kompass, in der anderen die Wanderstöcke trage. Das mache ich schon eine ganze Weile, so dass mir auch die Schultern schmerzen. Gesa ist kurz vor dem Knock-out, und zu allem Überfluss verliert sie auf dem Berg noch ihre Sonnenbrille, die ich seit Beginn des Regens getragen habe, die sie aber ab der Querfeld-Strecke übernommen hat. Auf dem Berg habe ich etwas Orientierungsschwierigkeiten, da es schlicht nicht runter geht. Das Plateau ist recht ausladend. Ich weiß, dass wir einen Bachlauf runter kommen müssen, und so entschließe ich mich, den nächsten, den ich sehe, herabzusteigen, was sich in mehrfacher Hinsicht als Fehler erweist: zum Einen ist der Untergrund am Bachbett der reine Kies, bietet kaum Halt und rieselt im Zweifelsfall in die Schuhe. Zum anderen ist es der falsche, zu weit westliche Bach, wie mir nach vielleicht 400 m aufgeht, als ich doch nochmal mit dem Kompass peile, also wieder raus aus dem Bachbett und den Hang queren. Auch das ist anstrengend, und so steigen wir ab (jawohl, endlich geht es runter) und laufen dann am Hang auf die Hütte zu, die endlich, endlich in Sichtweite ist. Gesa hat plötzlich die wahnsinnig kluge Idee, sich jetzt, vielleicht 800 m von der Hütte entfernt, die Schuhe auszuziehen und das Wasser herauszukippen, was mich sie anschnauzen lässt. Komplett sinnlos, zumal in dem Regen. Kommt ja auch kaum Wasser raus, das ist alles in den Socken und der Einlegesohle. Ein schierer Akt der Verzweiflung bei geistiger Umnachtung. Erschöpft erreichen wir endlich die Hütte, wo das Zelt von K&K schon anderthalb Stunden steht, die Zeit, die für uns die Schlimmste war. Aber auch die beiden hat es gut erwischt, besonders auch auf dem kleinen Berg. Zelt aufbauen und rein in den trockenen Schlafsack. Wenigstens regnet es diesmal beim Zeltaufbau nicht. Wieder bessern wir unsere Laune mit Tee und essen und schwören uns, sollte es morgen wieder regnen, steht ein Pausentag an. Sind ja auch schon acht Tage durchgewandert, und die letzten beiden davon waren nicht gerade berauschend. Im Zelt geht ein Schauer nach dem anderen über uns hinweg. Unser Hilleberg fängt an, sich bezahlt zu machen.
Maps:
Iceland |
13.07.2008
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